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Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber meine Nerven flattern. Vor ein paar Tagen bin ich mit den Hunden ein Stück in die Natur gefahren, damit sie sich austoben können. Am Ende eines Feldwegs ist ein Parkplatz, dort wollte ich hin. Wie ich dort lang fuhr, sah ich aus dem Augenwinkel ein Reh. Daneben noch eins, dann noch eins und dann schließlich ein junger Bock, auf dessen Geweih ein ganz zarter Pelz wuchs, wie bei manchen Knospen. Jedenfalls brachte mich die Kombination aus sprießender Natur, großen dunklen Augen und dem Frühling allgemein an den Rande der emotionalen Belastbarkeit. In Nullkommanix fingen meine Augen an zu tropfen und schon saß ich wild plärrend am Steuer, während die Rehe langsam aus meinem Blickfeld verschwanden. So geht es mir seit ein paar Tagen. Die kleinste Nichtigkeit brachte mich aus dem Gleichgewicht und plötzlich warf sich die Schwere der Welt ungehemmt auf mich und ich musste mein Schicksal im Allgemeinen, das Leben im Besonderen und überhaupt den ganzen Rest ausführlich beweinen.

Motzen kann ein gutes Ventil sein 

Später fiel mir auf, dass ich mich ewig nicht beschwert hatte. Meckern benutze ich aber im Alltag, um allgemein Druck abzulassen (nicht immer gerecht, aber hey, ich bemühe mich), um aber meiner Umwelt Coronaschonung zu gewähren, war ich auf absolutes Lobpreisen umgestiegen und fand einfach alles super, obwohl das gar nicht meinem realen Gefühl entsprach. Zu motzen, nicht bösartig, sondern auf die Pech-für-Egon-Art, kann ein gutes Ventil gegen emotionale Überlastung sein – so lange man auch noch etwas anderes tut selbstverständlich.

Im Folgenden also eine kurze Anleitung zum konstruktiven Motzen, möge es euch zum Besten gereichen, um mit Erich Kästner zu sprechen.

  • Verabredet euch auf Facetime im engen Freundeskreis. Tragt reihum eure Beschwerden vor, die ihr über das Leben angesammelt habt. Dann schraubt das Spiel eine Umdrehung hoch und erzählt euch richtig gute Premium-Beschwerden. Diejenige mit der besten Beschwerde gewinnt.
  • Mach für zu Hause eine "Mieses Benehmen"-Liste. Wenn du alleine wohnst, schreib einfach deine Malaisen und Missgeschicke auf, wie zum Beispiel "14 Uhr 23. Habe laut gefurzt" oder "20 Uhr acht: Habe seit drei Tagen nicht geduscht oder Obst gegessen", was immer dir einfällt. Wenn man mit Menschen zusammenlebt, füllt sich die Liste natürlich schneller.
  • Sorge dafür, dass sich auch andere meckermäßig erleichtern dürfen. Du musst nichts von dem, was gesagt wird, bewerten. Lass es einfach geschehen und wisse, dass es dein Gegenüber ungemein erleichtert.
  • Falls du in einer Partnerschaft lebst, schreibe Dinge auf, die dir an deinem Partner auffallen und die du merkwürdig findest. Das gleiche darf dein Partner dann auch mit dir machen. Diese Listen unbedingt für später aufheben, sie sind eine schöne Erinnerung. So könnte zum Beispiel "Jakob knetet die Ohren der Katze, wenn er nervös ist" oder "Sarah klebt ihre Haare an die Duschwand und macht sie hinterher nicht weg" (Pfui übrigens).

 

Damit solltet ihr zumindest eine Woche weiter kommen.

 

Alles Liebe
Paula