Eines der größten Probleme der Menschheit ist das Bedürfnis, sich ständig mit anderen vergleichen zu müssen. Wer hat die besseren Klamotten, wer die schickere Wohnung oder den besseren Job und ja, ganz wichtig: Wer hat den meisten und vor allem den besten Sex?

Die meisten Menschen vermuten zum Beispiel, dass sowohl Nachbarn als auch Freunde auf jeden Fall deutlich besseren Sex haben als man selber. Sollte es euch auch so gehen, kann ich euch beruhigen: Dem ist nicht so. Die meisten sind unzufrieden, warum sollte es den anderen auch besser gehen als einem selbst. Anders gesagt: keine Vergleiche, bitte macht euch bloß keinen Stress.

Depression, Burnout und Belastungssyndrome 

Da das Leben aber nicht so einfach ist und vor allem immer mehr an Tempo, Lärm und Druck zulegt, gibt es leider immer mehr Menschen, die mit den vielen Anforderungen nicht mehr klar kommen. Depression, Burnout und Belastungssyndrome sind die Folge, aber auch Süchte aller Art. Ich habe eine Freundin, die zum Beispiel ihre massive Unzufriedenheit im Job mit extremer sportlicher Tätigkeit zu kompensieren versucht. Wenn sie einen Tag lang nicht mindestens 20 Kilometer weit rennt, fühlt sie sich wie eine Versagerin und quält sich mit überbordenden Schuldgefühlen. Dass jemand Sport- oder Esssüchtig wird, ist gesellschaftlich inzwischen anerkannt. Schwieriger ist es für die Menschen, deren inneres Ungleichgewicht sich in einer Sexsucht zeigt. Wer zwanghaft sexuelle Handlungen alleine oder mit Partner ausüben muss, wird eher als schrullig oder ekelhaft denn als hilfsbedürftig belächelt. Dabei ist es ganz gleich, an welcher Form Sucht ein Mensch leidet, die Ursache dafür ist im Wesentlichen die gleiche, nämlich ein inneres Gefühl des Mangels oder der Mangelhaftigkeit. In diesem Punkt widerspreche ich vielen Psychologen, die Sexsucht mit einem Mangel an Impulskontrolle gleichsetzen – ich glaube, aber dass die Impulskontrolle ihre Wurzel im Selbstwertgefühl und Selbstverständnis des Menschen hat.

In den meisten Beziehungen wird geblufft

Sexsucht ist insofern besonders heikel, weil sie einen besonders intimen Bereich der menschlichen Existenz betrifft, einen, über dessen Verletzlichkeit viel zu selten offen gesprochen wird, eben gerade unter Freunden und Partnern. Die meisten leben in Beziehungen, in denen geblufft wird und kaum einer den Mut hat zu sagen, dass man den Sex irgendwie kacke findet, weil man nicht zum Orgasmus kommt oder die Technik blöde ist oder überhaupt die ganze Beziehung in Schieflage geraten ist.

Sexsucht bedeutet, dass der oder die Betroffene einen andauernden Trieb verspürt, nach Ausübung der sexuellen Handlung, aber keine Befriedigung eintritt. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch an den Fall einer damals 47-jährigen Münchnerin erinnert, die einen 43-jährigen DJ mit nach Hause nahm und zwang, sie mindestens acht Mal zu befriedigen, bis dem armen Mann nichts übrig blieb, als auf den Balkon zu flüchten und nach der Polizei zu rufen. Es ist natürlich leicht, darüber Scherze zu machen, aber wer schon auch mal ansatzweise mit einer Sucht zu tun hatte, und sei es die nach Zucker, der weiß, wie grässlich es sich anfühlt, in den Fängen einer Kraft zu stecken, die einen von innen kontrolliert. Süchtig ist jemand dann, wenn die Gedanken im Wesentlichen nur noch um das eine Thema kreisen und andere Bereiche des Lebens darüber vernachlässigt werden. Falls ihr euch übrigens fragt, wie viel Sex man denn nun haben sollte, um glücklich zu sein: Wissenschaftler aus Kanada haben herausgefunden, dass einmal in der Woche ausreicht, um sich ausgeglichen und wohl zu fühlen. Wie immer also nicht zu viel und nicht zu wenig.

Alles Liebe,

Paula