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Wisst ihr, was total aus der Mode geraten ist? Liebesbriefe. Heute schreiben sich die Leute „HDGDL“ unter die Nachrichten oder vielleicht mal einen Satz, aber dieses epische, das Herz ausschüttende und kurz am Kitsch vorbeischrammende Briefeschreiben von früher gibt es nur noch extrem selten. Ich sehe ein, dass es unpraktisch ist, einen Tag oder im Falle von interkontinentalen Fernbeziehungen gar eine Woche auf die Worte des Liebsten zu warten, um dann in ebenso so langwieriger Manier zurückzuschreiben. Aber mit einem Brief hat man wenigstens etwas, das man in den Händen halten, anseufzen und vor allem ewig aufbewahren kann.

Die Dauerhaftigkeit ist sicher einer der größten Vorzüge eines Liebesbriefes, weil Gefühle wie Geschichten mit der Zeit reifen und sich verändern. Hätte Heinrich der VIII. Anne Boleyn damals eine SMS schreiben können, hätten wir nie erfahren, wie flammend seine Gefühle für sie waren: “Ich flehe ausdrücklich darum, deine Absicht zu erfahren, die Liebe zwischen uns zu berühren. Die Notwendigkeit zwingt mich dazu, diese Antwort zu bekommen, nach mehr als einem Jahr der Verwundung durch den Pfeil der Liebe, und noch nicht sicher, ob ich einen Platz in deiner Zuneigung finde oder daran scheitere." Das war natürlich, bevor er ihr den Kopf abschneiden ließ.

Ein Liebesbrief vergeht nicht

Oder nehmen wir die Worte, die der Dichter Joachim Ringelnatz an seine Liebste verfasste. Damals drohte ihnen eine lange Trennung, vielleicht sogar auf ewig, denn Ringelnatz musst in den Krieg: „Ich habe inzwischen Deinen anderen Brief gelesen, und mein Herz ist voll Weh. Aber das soll wohl mein Los sein. Dein Leben, Lona, ist weiß, schlohweiß, und das meinige ist düster im Bunten. Du bist so viel höher als ich. Und mich hat wohl Gott bestraft oder bestimmt, ein ruheloses Dasein zu führen, wie die Seevögel, die mutig und kühn und doch voller steter Angst sind. Gott behüte dich. Ach, einmal nur möchte ich meinen Kopf in Deine Hände legen. Leb wohl, geliebtes Mädchen. Vielleicht meint der Krieg es wohl mit mir. Ich sende dir innige Küsse.” Hätte er ihr nicht geschrieben und den Krieg nicht überlebt, wäre der jungen Dame nichts von ihm geblieben außer der Erinnerung, und die ist unzuverlässig.

Es gehört mittlerweile Mut dazu

Das größte Problem beim Verfassen von Liebesbriefen ist gewiss, die eigene Scham zu überwinden. Sind wahre Worte einmal niedergeschrieben, liegt das Seelenleben des Verfassers bloß und verletzlich in den Händen des Empfängers. Und der muss mit so viel Gefühl erst einmal umgehen können. Einer der größten Fehler meines Lebens hängt mit einem Liebesbrief zusammen.

Damals war ich ungefähr 13 Jahre alt, unsicher bis auf die Knochen und mein größter Wunsch war die Anerkennung durch irgendwelche Leute, die ich cool fand. Zu dieser Zeit war ein neuer Junge an die Schule gekommen, den ich sehr interessant fand. Wir warfen uns Blicke auf dem Weg in die Klassenräume zu, gingen in den Pausen unauffällig auffällig an einander vorbei und ich denke, dass wir für einander so etwas wie der Grund waren, morgens extra fröhlich aufzustehen. Zumindest bis zu dem Tag, an dem er mir wortlos einen Liebesbrief zusteckte. Es war ein sehr schöner Brief, in dem er mir seine Zuneigung gestand und mich bat, mit ihm den Nachmittag zu verbringen. Und obwohl ich mich wirklich sehr freute, war es mir wichtiger, cool und unerreichbar zu wirken, sodass ich den Brief laut auf dem Schulhof vorlas und ihn dann effekthascherisch in den Mülleimer kickte. Das, wie gesagt, obwohl ich mich wahnsinnig gefreut habe. Und darum ist es so wichtig, Kindern beizubringen, dass es egal ist, was andere denken. Und dass man immer auf seinen Bauch hören soll. Dann kann man die Liebe nämlich besser gut verdauen.