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Ich bin ein Stier, und selbst wenn man nicht an Astrologie und Sternzeichendeutung glaubt, wird man in meiner Gegenwart feststellen, dass ich neben einem ausufernden Hedonismus eine gewisse Bockigkeit mitbringe, die sich vor allem in Streitsituationen zeigt. Ich gehe ich Sekundenschnelle auf 180, wenn ich mich angegriffen fühle und meine Selbstverteidigungsmechanismen sind in erster Linie dazu da, um alles um mich herum in Schutt und Asche zu legen. Meistens fange ich erst danach an, zu denken. Und anschließend kann man sogar vortrefflich mit mir diskutieren.

Erst nachdenken, dann streiten

Da diese Methode recht kräftezehrend ist, habe ich mir vor allem in jüngster Zeit einen Mechanismus zugelegt, der sich dazwischenschaltet, wenn ein Streit im Raum steht. Er funktioniert nicht immer, aber immer öfter – und seitdem ist vieles leichter. Eine Partnerschaft ist ja an sich schon anstrengend, aber Streiten muss man wirklich üben. Am besten geht das, wenn man darüber nachdenkt, was einen eigentlich gerade so aufregt.

Worüber regt man sich eigentlich auf?  

Ein Beispiel: Unerklärlicherweise bekommen fast alle Männer über 30 in meiner Gegenwart automatisch kurze T-Rex-Ärmchen, wenn es darum geht, die Spülmaschine einzuräumen. Mit den Ärmchen ist es offenbar unmöglich, die Tür der Maschine zu öffnen und das Geschirr einzuräumen. Stattdessen muss es ins Spülbecken gestellt werden, wo es dann ungehindert vor sich hingammeln darf. Zumindest bis ich komme und den ganzen Plörres maulend einräume, weil es ja sonst keiner macht. Natürlich wäre es konsequent, den Mist einfach stehen zu lassen, bis es irgendwem anders reicht. Aber für meine Umwelt habe ich bequemerweise eine relativ geringe Geschirrstapel-Toleranz. Und dann ärgere ich mich, dass ich alles einräumen musste und blöke herum. Nun ist der Streit recht schnell und einfach in Flammen geworfen: Es geht um Grundsätzliches wie Hausarbeit überhaupt (übrigens eines der Top-Themen aller Streitgründe) und wandert dann weiter zu allem anderen, was einem eben gerade auf der Seele drückt. Und hier kommt der Knackpunkt: Die meisten Themen, habe ich festgestellt, haben sehr wenig mit dem anderen zu tun und sehr viel mit mir selbst. Rege ich mich tatsächlich auf, weil ich drei Gabeln und vier Gläser in die Spülmaschine räume? Oder wird nicht vielmehr ein uraltes Gefühl von Im-Stich-gelassen-Werden getriggert?

Keine Verallgemeinerungen und Vorwürfe

Bei einem vernünftigen Streit, bei dem niemand verletzt wird, geht es darum, die Ursache der Enttäuschung/der Wut/der Trauer herauszufinden und anschließend einzuordnen. Es hat sich bei mir bewährt, erstmal genau nachzudenken, wo die Wurzel sitzt und dann zu schauen, wovon sie sich nährt. Das Ganze dann richtig einzuordnen, ist ein Klacks und man spart sich eine Menge Verdruss und Schmerz. Dass man dabei weder verallgemeinert ("Immer tust du…") und auch nicht vorwurfsvoll wird ("Du bist doch derjenige, der…"), versteht sich von selbst. Wenn man sich über die eigenen schwarzen Löcher im Klaren ist, lebt es sich viel konstruktiver und vor allem friedlicher. Was nicht heißt, dass es nicht ab und an mal knallen darf. Schließlich muss die Energie ja irgendwo hin. Aber vernünftig erklären können, warum man wieder mal mit dem Kopf durch die Wand musste, macht vieles leichter.