Ich weiß nicht, ob ihr es mitbekommen habt, aber in Polen gehen derzeit Zehntausende von Menschen auf die Straße, um gegen einen Gesetzentwurf zu protestieren, der das Unterrichten von Sexualkunde unter Strafe stellen soll. Polen ist ein sehr konservatives, von einem tiefsitzenden Katholizismus geprägtes Land, aber dieser Entwurf ist mehr als die Erfindung von bibeltreuen Fanatikern. Es ist bemerkenswert, dass die Bevölkerung bereits jetzt auf die Straße geht, und es ist tröstlich. Denn das unter Strafe stellen sexueller Freiheit ist ein sicheres Merkmal einer diktatorischen Regierung. Und offenbar sind jene, die PiS nicht gewählt haben, inzwischen sehr stark dafür sensibilisiert, welche Art von Freiheit der derzeitigen Regierung so vorschwebt.

Man muss auch mal über den Tellerrand schauen 

Warum so viele Führungspolitiker Angst vor sexueller Freiheit haben, ist relativ leicht erklärt. Ein Mensch, der weiß, dass seine Sexualität Ausdruck seiner Persönlichkeit ist, spürt stärker, wenn er eingeschränkt wird als jemand, der glaubt, dass es „normale“ Sexualität gibt und das eine bestimmte Lebensform erstrebenswert ist. Wenn ich glaube, dass der einzig richtige Weg über Mutter-Vater-Kind geht, macht mir alles andere Angst. Und in der Angst ist der Mensch am stärksten zu beeinflussen und zu lenken. Aus Furcht wählen die Menschen einfache, populistische Lösungen und sie sind sicher, weil sie nicht einmal über den Tellerrand schauen müssen. Kleingeistigkeit und eine erlahmende kulturelle Fortschrittlichkeit sind die Folge, und Lebensweisen, die anders sind, müssen bekämpft werden, weil sie die Norm in Frage stellen und damit jeden einzelnen. Was genau die Saat ist, in der Diktaturen günstig wachsen können.

Sexuelle Freiheit ist eine Freiheit der Seele 

Die Einschränkung der sexuellen Aufklärung ist also in erster Linie eine Einschränkung der geistigen Freiheit und viele Menschen in Polen sind so klug, das zu erkennen. Und ja, es mag anstrengend sein, darüber zu diskutieren, ob jemand seine eigene Sexualität als non-binary, pan, bi, homo oder hetero definiert. Und vielleicht ist es auch schwierig zu entscheiden, ob man cis-Frau ist oder einfach nur Frau, aber all das sind Kinkerlitzchen. Das Wichtigste dahinter ist, dass wir diese Diskussionen führen dürfen. Dass Kinder mit dem Wissen aufwachsen, dass sie absolut richtig sind, wie sie sind, egal mit wem sie später Beziehungen führen wollen. Dass man küssen darf, wen man will und einem niemanden sagen darf, dass man dazu nicht die Freiheit hat. Und auch, wenn wir in Deutschland eines der freiesten Leben leben dürfen, sage ich euch, dass diese Freiheit unter allen Umständen zu verteidigen ist. Auch in Deutschland werden homosexuelle Menschen dafür verprügelt, dass sie einfach sie selbst sind. Ich bitte euch, immer dran zu denken, dass sexuelle Freiheit eine Freiheit der Seele bedeutet. Und dafür müssen wir immer kämpfen.

 

Alles Liebe,
Paula