In London läuft gerade der Prozess zwischen Johnny Depp und der Boulevard-Zeitung The Sun. The Sun, bekannt für ebenso poetische wie brutale Titelseiten, zum Beispiel „Zip me up before you Go-Go“ (zu George Michaels Toilettenerlebnis) oder „There are NO virgins in Essex“ (als die Sun versuchte, per Hotline eine Jungfrau aus Essex zu finden und tatsächlich niemand anrief), hatte Johnny Depp in einem Beitrag ‚wife beater‘ genannt. Vor Gericht sagt derzeit auch die betroffene Frau aus, die Schauspielerin Amber Heard. Wie immer in solchen Prozessen kommen sehr unappetitliche und schockierende Details ans Licht, unter anderem der Drogenkonsum des Mister Depp sowie der Vorschlag seines ehemaligen guten Freundes Paul Bettany (der „Jarvis“ und „Vision“ in den Avengers-Filmen), Heard doch im eigenen Pool zu ersäufen, um festzustellen, ob sie tatsächlich eine Hexe sei.

Opfershaming als Reflex 

Nun ist Johnny Depp einer der ehemals hübschesten Menschen der Welt, ein allseits beliebter Kinderheld als Captain Jack Sparrow und überhaupt riesiger Hollywoodstar. Interessant ist, dass die Sun, anders als die meisten anderen Medien, sich von Anfang an auf die Seite der Frau gestellt hat, während viele andere erst einmal die Motive der Ehefrau absteckten. War sie nicht nur eine mittelmäßig begabte Schauspielerin, die versuchte, auf diese Weise zu Geld und Bekanntheit zu gelangen? Der Reflex des weiblichen Opfershamings ist so tief verwurzelt, dass sogar Frauen dazu neigen, die Schuld nicht beim Täter zu suchen. Und natürlich bietet Amber Heard eine wunderbare Projektionsfläche. Warum sollte eine junge, ausnehmend schöne Frau sich mit einem alternden Alkoholiker einlassen, wenn nicht aus niederen Motiven?

Selbstreflexion vor Partnerschaft

Die ‚gold digging bitch‘ ist ein weit verbreitetes Frauenbild, dem jede Form von anderen Emotionen außer Gier abgesprochen wird. Wir wissen aber natürlich selbst, dass die meisten Unionen aus anderen, tiefer sitzenden Gründen zusammenkommen. Die Hoffnung, gerettet zu werden, die Angst, alleine zu sein, das Bedürfnis, sich selbst durch einen Partner aufzuwerten sind nur einige davon. Es wird Zeit, offen darüber zu sprechen, WARUM man sich auf eine Beziehung einlässt und was man sich von ihr erhofft. Eine wirkliche Diskussion darüber ermöglicht Klarsicht und hilft, klügere und gesündere Entscheidungen zu treffen. Denn man kann nicht nur von außen verblendet werden, sondern auch aus sich selbst heraus. Jeder, der sich verliebt und vor allem die, die sich gerne und oft verlieben, sollte sich die Frage stellen, in was man tatsächlich verliebt ist: in die Projektion des anderen, die Stillung der eigenen Bedürfnisse oder in den Menschen an sich. Letzteres passiert nämlich deutlich seltener, als man hoffen möchte.

Johnny Depp hat am gestrigen Verhandlungstag zugegeben, seiner Ex-Frau unter anderem einen Kopfstoß verpasst zu haben, während Amber Heard offenbar in das gemeinschaftliche Bett gekackt hat. Es ist jetzt schon sicher, dass die einzige Gewinnerin in diesem Horrorfilm The Sun heißt. 

Alles Liebe,
Paula