- Bildquelle: Getty Images © Getty Images

Jedes Jahr, spätestens zum Herrentag, beginnt die große Saison des freien Oberkörpers. So auch diesmal. Ich ging mit einer Freundin spazieren und es war ein bisschen wie im Zoo: Überall nackte, teils sehr haarige Haut in den unterschiedlichsten, meist nicht sehr austrainierten Formen. Meine Freundin sagte: „Wenn ich so aussehen würde, würde ich meine Klamotten anbehalten.“ Ich fragte sie, wieso. Sie sagte: „Männertitten sind einfach unappetitlich. Und diese fetten Wanste muss ich auch nicht sehen.“ Sie, die sich selbst unerbittlicher Körperverzweiflung unterzieht, gab ungefiltert das von sich, was sie sonst bemängelte und bewertete die Männer anhand ihres Aussehens, das unappetitlich war.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin grundsätzlich dafür, dass Menschen sich angemessen kleiden. Sich schön anzuziehen, egal, welche wirtschaftlichen Mittel man zur Verfügung hat, ist nicht nur eine Respektsbezeugung an sich selbst, sondern vor allem an das Gegenüber. Wenn aber jemand seinen Körper preisgibt, sollte man ihn nicht beurteilen, finde ich, weil man sich damit mit einer Oberflächlichkeit gemein macht, die grundsätzlich schlecht fürs Karma ist. Die Männer, an denen wir vorbeigingen, boten nämlich allerhand Möglichkeit, über sie zu schimpfen. Sie waren auf eklige Art laut und prollig und ich halte Rücksichtslosigkeit für eine der ekligsten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann. Viele haben ihren Müll nicht weggeräumt, was ich auch nicht verstehen kann, es ist so einfach und muss selbstverständlich sein. Und sie gaben sich einem Umgangston durch Gruppenzwang hin, der sie allesamt zu wenig begehrenswerten Exemplaren dieser Art werden ließ, auch etwas, das ich nicht verstehe – warum zur Sumpfgestalt werden, nur weil man ein paar Bier trinkt? Kurz gesagt, die Körper waren nun wirklich nicht das Hauptproblem.

Gleichberechtigung bei der Beurteilung

Viel schlimmer ist aber die Annahme dahinter. Nämlich dass Männer, nur weil sie sich häufiger und scheinbar schamloser unbekleidet zeigen, aufgrund ihres Äußeren beurteilt werden dürfen, während das bei Frauen ein No Go sein soll. Auch hier muss die Gleichberechtigung greifen.

Mir hat mal ein sehr toller Mann geschrieben, dass er, seit er zugenommen hat (nicht grotesk fett, aber doch speckig), sich nicht mehr traut, sich vor seiner Frau auszuziehen, sich für einen schlechteren Liebhaber hält und allgemein für einen weniger tollen Typen. Die zwanzig Kilo Speck haben also nicht nur seinen Körper aus der Form gebracht, sondern vor allem seine Seele. Und bei allem, was die Seele betrifft, muss man besonders liebevoll sein. Niemand weiß über die Kämpfe anderer Menschen und niemand kann ahnen, wofür das übermäßige Essen als Kompensation herhalten muss. Das gilt für Frauen, wie für Männer.

Dem Leben die Leichtigkeit zurückgeben

Ich plädiere dafür, anstatt jemandem an den Kopf zu werfen, wie eklig seine Speckrollen aussehen, zu fragen, wofür er (oder sie) diesen Schutzwall gerade braucht. Wie kann ich helfen, die Situation des anderen einfacher zu machen? Wo braucht der andere Mensch gerade Entlastung und wie kann ich sie ihm anbieten? Auch das ist praktizierte Selbstliebe – gemeinsam dem Leben die Leichtigkeit zurückgeben.

Für Männer ist es Neuland, über Körperwohlgefühl und den Mangel daran öffentlich zu sprechen. Lasst es uns ihnen leichter machen, nicht schwerer. Genauso, wie wir Frauen uns das für uns selbst wünschen.

 

Alles Liebe,
Paula