- Bildquelle: Eric Ryan Anderson © Eric Ryan Anderson

Sting ist nicht nur ein großer Songwriter und ein charismatischer Sänger – er ist bei all dem auch noch ein vielseitiger Geselle. Schon zu Karrierebeginn hat er als Frontmann von The Police Rock mit Punk, Folk und Reggae zusammengebracht. Später als gechillter und (für viele zu) selbstbewusster Solo-Superstar, kamen noch ein paar Stilschubladen hinzu – von 60s-Pop, Jazz-Einflüssen, Klassik-Besuchen bis zu Country-Twang und good old Rock’n‘Roll findet man viele Spielarten in seinem umfangreichen Oeuvre.

Über sein gerade veröffentlichtes Album „The Bridge“ sagt der 17-fache Grammy-Gewinner: „Diese Songs sind zwischen den Orten entstanden.“ Was er stilistisch meint, aber auch inhaltlich: „Zwischen zwei Bewusstseinszuständen, zwischen Leben und Tod, zwischen verschiedenen Beziehungen. Zwischen Pandemien. Zwischen einer Ära und der nächsten – politisch, soziologisch, psychologisch. Wir alle stecken irgendwo in der Mitte von etwas – und brauchen eine Brücke.“

Das Auf und Ab der Pandemie-Jahre, das ja leider noch immer nicht vorbei ist, hatte großen Einfluss auf Stings Blick auf die Welt und die Themen, die er auf „The Bridge“ behandelt.

Gleich in seiner zweiten Single Auskopplung, dem Album-Vorreiter „Rushing Water“, baut Sting eine musikalische Brücke über den tobenden Fluss seiner Ängste und Sorgen. Mit dem Titel und den Lyrics symbolisiert der Songwriter die Flut an Gedanken, die durch seinen Kopf rauschen, so wie es wahrscheinlich auch vielen seiner Fans geht.

Ein weiteres Highlight des Albums ist die melancholische Ballade „Harmony Road“, in der Sting auf seine Kindheit in England blickt und die Gewalt auf der Straße, die er als Kind und Jugendlicher in einem Working-Class-Viertel erlebte. Dem deutschen Rolling Stone erzählte er im Interview dazu: „Wallsend im Nordosten Englands war eine harte Stadt. Ob sie härter war als andere? Das weiß ich nicht, ich kannte keine andere. Aber ich wusste, dass ich wegwollte. Meine einzige Fluchtmöglichkeit sah ich in Bildung. Ich erhielt ein Stipendium für ein Gymnasium, in dem ich Dinge lernte, die für ein Leben in Wallsend nutzlos wären. Latein, Geschichte, Philosophie. Die einzigen Jobs in Wallsend bot die Werft, wo große Schiffe gebaut wurden. Oder die Kohlenmine. Ich hatte die Hoffnung in einer größeren Welt zu leben. Wenn ich an diese Umgebung zurückdenke, empfinde ich keinen Hass. Ich empfinde Anerkennung. Wallsend war der Motor, der mich zu dem machte, der ich heute bin. Es war ein zäher Ort, ich bin froh, das überstanden zu haben.“

Diese gute Bildung, die sich Sting erarbeitete, findet sich dann zum Beispiel sehr deutlich im folkigen „Book of Numbers“, das inhaltlich einen weiten Bogen spannt: Von den Israeliten im Heiligen Land, über die Geschichte der Mathematik bis hin zum Erfinder der Atombombe Robert Oppenheimer. Im Stone-Interview erklärt Sting dazu: „Das Buch der Nummern beschreibt eines der ersten fünf Bücher der Bibel. Die Israeliten befinden sich in der Wüste, auf der Suche nach dem Heiligen Land, 40 Jahre lang. Das Buch der Nummern war wie ein Katalog, in dem alle Menschen gelistet wurden, die diese Reise auf sich nahmen, es enthielt aber auch die Aufzählung von Proviant und Tieren, wie ihren Ziegen. Metaphorisch lässt sich diese Geschichte als Beginn der Mathematik deuten. Tatsächlich handelt mein Song von Robert Oppenheimer. Er erfand die Atombombe. In dem Lied geht es darum, wie sein Geist die Wüste von Los Alamos in New Mexico heimsucht.“ Die Kunst seines Songwritings zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass Sting aus diesem inhaltlich schweren Brocken einen leichtfüßig klingenden, aber zugleich emotionalen Song machen kann. Und auf „The Bridge“ direkt danach einen quatschigen, verspielt groovenden Gaga-Song namens „Captain Bateman’s Basement“ folgen lässt.

Ein weiteres Highlight bleibt auch die erste, vorab veröffentlichte Single „If It’s Love“, über die Sting sehr weise sagte, dass es die Herausforderung bei einem Love-Song sei, nicht eine „Ich liebe Dich – Du liebst mich“-Erzählung zu schreiben, seine eine „Ich liebe dich – aber Du liebst mich nicht“-Situation. Das gelingt Sting hier ausgesprochen gut – und das sogar in einem Song, in dem ernsthaft gepfiffen wird. Dazu sagt er: „Ich wollte, dass die Leute sich überrascht fühlen. ‚Hey, hier ist eine neue Sting-Single und hiermit geht sie los‘ (pfeift) – ‚Äh, what?‘. Auch wieder so zwei Sachen, die man erst einmal zusammenbringen muss – aber, das wissen wir ja jetzt, die Sache mit den Brücken, die hat Sting durchaus drauf.

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