Zwangserkrankung: Infos & Hilfe

Mehr als eine Marotte

Die neue sixx-Doku "Außer Kontrolle - Leben unter Zwang" zeigt die Behandlung Zwangserkrankter. sixx.de hat mit dem Diplom-Psychologen Thomas Hillebrand, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen, über die Krankheit gesprochen.

>> Hilfe und Infos zum Thema findest du bei der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen unter www.zwaenge.de

sixx.de: Was genau ist eigentlich eine Zwangserkrankung?

Thomas Hillebrand: Zwangserkrankte leiden darunter, Handlungen immer wieder ausführen zu müssen, obwohl sie deren Unsinnigkeit in der Regel selbst einsehen. Bei einem Kontrollzwang beispielsweise überprüft der Betroffene immer wieder, ob die Tür verschlossen ist. Dies geschieht nicht zweimal, sondern bis zu 20-mal hintereinander. Auf der einen Seite weiß der Betroffene, dass die Tür verschlossen ist, auf der anderen Seite existiert ein starker Zweifel. Dieser setzt sich gegenüber dem Verstand durch und "zwingt" den Patienten, immer wieder zu schauen. Der Zweifel lässt sich nicht beruhigen und so kann der Zwangspatient oft erst davon ablassen, wenn sich eine gewisse Erschöpfung eingestellt hat.

Was sind außer dem Kontrollzwang häufig vorkommende Zwangserkrankungen?

Viele Patienten leiden unter dem Zwang, sich immer wieder die Hände waschen zu müssen. Auch dies kann bis zu 100-mal am Tag erfolgen. Häufig befürchten die Betroffenen, sie könnten mit Bakterien, Keimen oder Schmutzpartikeln in Berührung kommen und sich mit einer gefährlichen Erkrankung anstecken. Nicht wenige befürchten dabei noch mehr, sie könnten selbst andere Menschen anstecken und wären dann für deren Erkrankung verantwortlich. Diese Befürchtungen lösen unmittelbar intensive Angst und Schuldgefühle aus. Die einzige Lösung sieht der Patient im ständigen Waschen. Dadurch erlebt er ein kurzfristiges Nachlassen der Angst. Schon bei der nächsten Berührung mit vermeintlichen Keimen stellt sich der gleiche Mechanismus aber wieder ein.
Eine weitere Gruppe von Zwangspatienten leidet unter Gedanken, die sich immer wieder aufdrängen und als quälend erlebt werden, da ihre Inhalte den Betroffenen große Angst bereiten. Die Gedanken beinhalten aggressive, sexuelle oder blasphemische Themen, die den Wertesystemen der Betroffenen diametral entgegenstehen. So ist da zum Beispiel die liebende Mutter, die  täglich vor dem ungewollten Gedanken "Ich könnte mein Kind erstechen" erschrickt.

Wie viele Zwangserkrankte gibt es in Deutschland?

Die Häufigkeit wurde lange unterschätzt, heute geht man davon aus, dass in Deutschland etwa 1,6 Millionen Menschen betroffen sind. Die Zwangserkrankung stellt nach den Phobien, den Abhängigkeiten und den Depressionen die vierthäufigste psychiatrische Diagnose dar.

Ab wann wird ein innerer Zwang krankhaft?

Um die Zwangsstörung als Krankheit von einer Marotte oder dem umgangssprachlichen "Tick" abzugrenzen, werden verschiedene Merkmale herangezogen. Zum einen der Umfang der Zwangshandlungen oder -gedanken. Ist ein Mensch mehr als eine Stunde am Tag damit beschäftigt, sollte spätestens etwas unternommen werden. Ein weiterer Aspekt ist der Leidensdruck: Wenn die Zwänge den Betroffenen so stark beeinträchtigen, dass er in seiner Lebens- und Arbeitsfähigkeit zunehmend eingeschränkt wird, suchen Patienten in der Regel selbst nach therapeutischer Unterstützung. An diesem Punkt wird die Hilflosigkeit der Betroffenen besonders deutlich: Sie können ihre Handlungen nicht willentlich unterbinden, obwohl sie ihnen schaden. 

Wodurch entstehen Zwangserkrankungen?

Eine endgültige Antwort gibt es auf diese Frage bis heute nicht. Man sucht nach genetischen Faktoren, die neuronale Abläufe im Gehirn negativ beeinflussen. Denn es gibt deutliche Hinweise auf neurophysiologische Veränderungen im Gehirnstoffwechsel von Zwangserkrankten, die wir bei gesunden Menschen nicht vorfinden. Der Einfluss von Erziehung wird natürlich auch untersucht. Viele Eltern von Zwangspatienten leiden selbst unter starken Ängsten oder Depressionen. Dies wirkt sich zum einen auf die Erziehung aus und kann die Neigung zu übervorsichtigem oder unsicherem Verhalten verstärken, die gleichzeitig über die genetische Komponente weitervererbt wurde. Die Begegnung mit schwierigen Lebenssituationen, die Eigenverantwortung und Risikobereitschaft erfordern, führt bei einer Vielzahl von Patienten zu einer deutlichen Zunahmen von Zwangssymptomen.

Wie alt sind Zwangserkrankte im Schnitt?

Das Ersterkrankungsalter liegt im Durchschnitt bei etwa 21 Jahren, wenn der Schritt in ein eigenverantwortliches Leben erfolgt. Die Aufrechterhaltung der Zwangsstörung lässt sich relativ gut mit der "negativen Verstärkung" erklären: Der Patient erlebt immer wieder, wie sich seine innere, quälende Anspannung und Angst durch die Zwangshandlung kurzfristig lindert. Der menschliche Organismus lernt sehr schnell, die Handlung, die eine solche Linderung bewirkt, immer wieder auszuführen. Kurzfristig geht es dem Patienten besser, langfristig breitet sich der Zwang immer weiter aus.

Was kann ich tun, wenn ich an mir entsprechende Auffälligkeiten entdecke?

Wenn jemand merkt, dass er Zwangshandlungen nicht willentlich beenden kann und auch schon eine Zunahme der Handlungen an sich beobachtet, sollte er oder sie unverzüglich einen Psychologen oder Psychiater aufsuchen. Im Rahmen der Diagnostik kann dieser feststellen, ob eine Zwangserkrankung vorliegt. Im nächsten Schritt werden therapeutische Maßnahmen besprochen. Die Verhaltenstherapie hat sich als effektivstes Verfahren erwiesen. Aber auch medikamentöse Maßnahmen können vielen Zwangspatienten helfen. Sollte eine ambulante Therapie nicht ausreichen, kann auch eine stationäre Behandlung erforderlich werden.

Was genau macht die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen?

Das Besondere an der 1995 gegründeten "Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V." ist, dass sich hier Betroffene, Behandler und Wissenschaftler gemeinsam engagieren. Ihre Hauptaufgabe sehen wir darin, Zwangserkrankten und ihren Angehörigen Hilfen zum Leben mit der Erkrankung zu geben. Durch Öffentlichkeitsarbeit will der Verein zudem über Zwangsstörungen und die daraus entstehenden Probleme aufklären, um Vorurteile abzubauen und mehr Akzeptanz für die Betroffenen zu erreichen. Wir bemühen uns außerdem darum, Therapeuten und Ärzte stets über den neuesten Erkenntnisstand in Forschung, Therapie und Versorgung von Zwangspatienten zu informieren. Dies geschieht zum Beispiel im Rahmen der jährlich stattfindenden Jahrestagung der Gesellschaft, die offen ist für Wissenschaftler, Behandler, Betroffene und Angehörige.

Wie finden Betroffene bei Ihnen Hilfe?

Unsere Geschäftsstelle informiert Betroffene und Angehörige über Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe und klärt über geeignete Therapiemaßnahmen auf. Darüber hinaus verfügen wir über eine umfangreiche Liste spezialisierter Therapeuten aus dem gesamten Bundesgebiet.

Weitere Infos: www.zwaenge.de

>> "Außer Kontrolle - Leben unter Zwang" läuft als deutsche Free-TV-Premiere immer dienstags um 21.45 Uhr auf sixx

 

Zwangserkrankung: Infos & Hilfe

Mehr als eine Marotte


Die Doku "Außer Kontrolle" begleitet Zwangserkrankte. sixx.de hat mit dem Psychologen Thomas Hillebrand gesprochen. mehr...

Außer Kontrolle - dienstags auf sixx

Ticks, Phobien und Manien


Wehrlos bei vollem Bewusstsein: Die Doku-Serie "Außer Kontrolle" begleitet Menschen mit Ticks, Phobien und Manien. mehr...

Der Hundeflüsterer auf sixx!
Vampire Diaries auf sixx!
Jamie Oliver kocht für sixx!